DemenzHilfe Oldenburg e.V.

INFORMATIONS- und BERATUNGSSTELLE

Publikationen

Wegweiser für Menschen mit Demenz im Krankenhaus

GSP-- Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Projekte pdfDownload PDF

„Oft muss sie raten, ob ich Hilfe brauche oder nicht. Es fällt mir nicht so leicht, um Hilfe zu bitten. Wenn sie falsch rät, bin ich unzufrieden. Rät sie richtig, nehme ich es manchmal als Selbstverständlichkeit hin.“

Richard Taylor, Alzheimer und ich.

Die Phasen der Demenzerkrankung und ihre Symptome

Wie können die Phasen der Demenzerkrankung beschrieben werden?
Wie lassen sich die Symptome unter menschenkundlichen Gesichtspunkten erklären?

Das Einmalige, Besondere an der Demenzerkrankung ist, dass sich im Laufe dieser Erkrankung ein Sterbeprozess vollzieht, der sich über lange Zeit erstrecken kann. Diese Erfahrung ist der Menschheit erst in unserer Zeit richtig zugänglich geworden. Die Betroffenen sind immer weniger in der Lage, sich in der äußeren Welt zurechtzufinden. Wenn sie aber adäquat begleitet und unterstützt werden, können sie sich in der geistigen Welt, in die sie langsam hinein wachsen, umso besser orientieren. Diese Zusammenhänge der so genannten „Exkarnationspädagogik“ müssen dringend detaillierter erarbeitet und kulturell zur Verfügung gestellt werden. Entscheidend ist, dass wir über die verschiedenen Phasen dieses Krankheitsbildes und die auftretenden Symptome Bescheid wissen und mit Blick auf den ganzen Menschen begreifen, was geschieht:

1. Phase – Verlust der Beziehung zu Raum und Zeit
Die ich-geführte Gedankenbeziehung zu Raum und Zeit lässt nach. Die Ich-Organisation löst und befreit sich zunehmend vom Leib, interessiert sich immer weniger dafür, denn sie versucht sich schon an der Schwelle zu orientieren.
2. Phase – Kontrollverlust über die Gefühle
Nun lockert sich der Astralleib in seiner Verwundbarkeit und Sensibilität, die Nerven und Gefühle liegen blank und machen den Betroffenen sehr verletzlich. Das Ich ist noch nahe, hat noch nicht vollkommen die Orientierung verloren. Noch kann der erkrankte Mensch spüren, dass er immer weniger der ist, der er war. Mit der emotionalen Verunsicherung gehen Angst, Misstrauen, Aggression und ein großer Bewegungsdrang einher. Jetzt kommen all die ungebändigten Emotionen, alles, was krampfhaft niedergehalten wurde, an die Oberfläche, eben, weil es zwanghaft niedergehalten und nicht durch reife seelische Führung verwandelt worden war. Das geschieht insbesondere bei Menschen, die sich selbst im Leben sehr unter Druck gesetzt haben, wie es ja oft vorkommt. Jetzt erleben andere, was man selber nicht erleben wollte, was man zu kontrollieren und zu unterdrücken versuchte. Damit können die Betroffenen kaum umgehen und projizieren ihre Emotionen nach außen, indem sie die Menschen um sich herum beschuldigen. Das pflegende Umfeld sollte solche Projektionen liebevoll zurück spiegeln und unter Einsatz der eigenen astralen Kräfte stellvertretend für den Kranken liebevoll stützend und kompensierend damit umgehen. Da gibt es viele Möglichkeiten, die man in unseren Ausbildungen erlernen kann.
3. Phase – Verlust des wachen Bewusstseins
In der nächsten Phase löst sich der Astralleib ganz heraus, die Lust zu laufen und wegzulaufen hört auf. Die Kranken werden gebrechlich, pflegebedürftig. Sie gleiten in einen pflanzenartigen Dämmerzustand: Jetzt sind nur noch physischer Leib und Ätherleib inkarniert. Das Großartige dabei ist: Auch wenn Menschen schon ganz weg zu sein scheinen, gibt es immer wieder Momente, in denen sie nochmals ganz da sind. Ich habe das selbst des Öfteren erleben dürfen, wenn ich demente Freunde besuchte, auch bei einem Psychiater, den ich noch kurz vor seinem Tod im Krankenhaus besuchte und der schon ganz weg war. Ich setzte mich einfach an sein Bett und erzählte ihm aus seinem Leben, von unseren Begegnungen, sprach bewusst das Ich und das Fühlen im Außerkörperlichen an, das ja deutlich wahrgenommen werden kann. Ich unterhielt mich einfach mit ihm und plötzlich fuhr er in seinen Körper rein, machte die Augen auf und bewegte die Lippen, um etwas zu sagen. Sein Blick traf mich ins Herz, so lebendig erschien er mir. Das sind sehr besondere Momente, wenn man erleben kann, wie die sinnlich wahrnehmbare, gebrechliche Erscheinung für kurze Zeit vom vertrauten Wesen des Menschen durchdrungen wird.
4. Phase – Eintreten des Todesaugenblicks
In der letzten Phase tritt irgendwann der Todesaugenblick ein, der geheiligt und für jeden Menschen im Schicksal vorbestimmt ist.
Vgl. Vortrag über Demenz im Hombrechtikon in der Schweiz 2007

Autor Dr. Michela Glöckler

Der Kampf gegen das Vergessen Herausgeber:

Bundesministerium fŸür Bildung und Forschung (BMBF)
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Demenz und die Macht des Ausgeblendeten

Demenz wird meist als unabwendbares Schicksal betrachtet. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen indessen den Schluss nahe, dass Demenz auch eine Folge traumatisch gestörter Bezüge zwischen Körper und Bewusstsein ist – und dass durch entsprechende therapeutische Bemühungen oder auch Meditation eine Prophylaxe möglich ist.

Beitrag von Dietrich Kumrow in der Novemberausgabe der

Sofern wir noch immer glauben, Demenz sei ein unabwendbares Schicksal, dem man nicht entkommen kann wenn es eben auf der Lebensspur liegt, können wir diese Vorstellung ad acta legen.
Die Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Demenz und neuere Forschungsergebnisse weisen in eine Richtung, die für uns als zukünftig potenziell Betroffene mehr als einen vagen Hoffnungsschimmer aufweisen. Vielmehr zeichnen sich Wege ab, die Veranlagung zur Demenz beizeiten in sich entdecken zu können und aktiv dagegen zu steuern.
Dies mag überraschend klingen, stellt es doch vorherrschende Meinungen auf den Kopf.

Überraschungen im Nonnenhirn 

Haben Sie zum Beispiel schon einmal von Schwester Matthia gehört? Schwester Matthia ist in Fachkreisen posthum zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Sie lebte als Nonne in einem amerikanischen Kloster der Sisters of Notre Dame, war eine intelligente und bis zu ihrem letzten Atemzug normale, kluge alte Dame. Eine amerikanische Ärztegruppe hatte über einen längeren Zeitraum die Nonnen dieses Klosters begleitet und sich die Zusage geben lassen, nach dem Tode die Gehirne der Nonnen untersuchen zu dürfen. Dies war für die Wissenschaftler sehr interessant, da sie hier eine Personengruppe vorfanden, die unter den gleichen Lebensbedingungen ab etwa dem 20. Lebensjahr ihr Leben zugebracht hatten.
Unterschiedliche Umwelteinflüsse waren bei ihnen für das Entstehen von Phänomenen weitestgehend auszuschließen. Die Ärzte, die nach ihrem Tode das Gehirn von Schwester Matthia untersuchten hielten das, was sie vorfanden, schlicht für unmöglich.


Forts. Überraschungen im Nonnenhirn 

Ihr Gehirn zeigte degenerative Veränderungen, die nach herkömmlicher Betrachtung als Diagnose nur eine hochgradige Demenz zuließen – aber das war einfach nicht der Fall.
Im Gegenzug zeigten Untersuchungen an Nonnen des gleichen Ordens, die im Alter tatsächlich von Demenz gezeichnet waren, weitaus geringere klassische degenerative Veränderungen.
Diese Untersuchungen haben als „Nonnenstudie“ (durchgeführt an insgesamt über 600 Nonnen) hohe Aufmerksamkeit erlangt.

Die Überraschung müsste sehr groß sein, wäre nicht schon Alois Alzheimer selbst zu der Ansicht gelangt, dass weder das Auftreten von Eiweißplaques noch eine neurofibrilläre Degeneration im Gehirn notwendigerweise zum Auftreten einer demenziellen Veränderung führt.
Spätestens das Beispiel der Nonnen zeigt aber: Die einseitige Fixierung auf hirnorganische Veränderungen als Entstehungsursache für Demenz scheint überholt!

Ein Paradigmenwechsel ist vonnöten, den der Freiburger Arzt und Psychotherapeut Professor Joachim Bauer auch bereits vollzogen hat. Für ihn ist die Alzheimersche Erkrankung erst eine seelische, dann eine neurobiologische Erkrankung.

Die Nonnenstudie führte zu weiteren Beobachtungen. Alle Novizinnen mussten in der Eintrittsphase in das Kloster biographische Betrachtungen und Zukunftswünschen anstellen.
Der Vergleich dieser Berichte ergab, dass bei allen später dement gewordenen Nonnen sich in ihren Berichten eine eher verhalten depressive, negative Einstellung zum Leben zeigte sowie eine signifikant ideenärmere Sprache.
Dies weist darauf hin, dass es sehr bedeutsam für unser Alter zu sein scheint, wie wir unser Leben leben. Das Alter ist kein plötzlicher biographischer Einbruch, sondern es bringt neben den allgemeinen Erscheinungen die Lebensentscheidungen und Handlungsstrategien des Einzelnen verstärkt zum Ausdruck. Der Mensch spitzt seine Biographie im Alter zu, er bringt sich selbst gewissermaßen auf den Punkt. Auch Demenz ist also ein individueller Altersausdruck! Eine positive, dem Leben zugewandte innere Haltung hat offenbar auf die Gesamtorganisation des Menschen eine andere Auswirkung als eine eher verhaltene, depressive bis lebensabgewandte.

Es drängt sich die Frage auf, welche individuellen Faktoren neben den hirnorganischen tatsächlich dazu führen, dass im Alter eine Demenz eintritt?

Der Freiburger Neurologe Joachim Bauer führte als Arzt und Psychotherapeut Studien mit an Alzheimer erkrankten Menschen durch. Alle von ihm untersuchten Personen zeigten schwere seelische Kränkungen und Verletzungen, bei 67 Prozent waren es schwere Vernachlässigungen, Überforderungs- und Trauma-Situationen in der Kindheit.

Was bewirken schwere, nicht zu verarbeitende seelische Erlebnisse im Gehirn des Menschen? Welche nachhaltigen Konsequenzen können sie haben, insbesondere wenn diese Erlebnisse in der Kindheit geschehen sind? 


Bild  

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Eine neue Sicht auf das Gehirn

„Unser Gehirn ist weniger ein Denk- als vielmehr ein Sozialorgan“, sagt der Göttinger Hirnforscher Prof. Gerhard Hüther. „Früher dachte man, der Mensch besitzt sein großes Gehirn zum Denken, Bau und Funktion sind optimiert für psychosoziale Kompetenz.“ Dass die seelische Konstitution des Menschen eine nachhaltige Wirkung auf den Körper, bis in die Strukturbildung des Gehirnes hinein hat, ist inzwischen hinreichend erforscht. Auch Gefühle werden als Aspekt früherer Erfahrungen im Gehirn verankert und bestimmen spätere Grundhaltungen, Überzeugungen und letztlich auch, wie wir unser Gehirn nutzen. Es ist die Art und Weise, wie wir unser Gehirn nutzen, die zu Re- oder Degeneration von Nervenzellen und deren Verbindungen, den Synapsen führt. Und heute wissen wir, dass insbesondere eine Pathologie der Synapsen mit Demenz korreliert (Bauer 2002). Die Synapsen spielen im kortikalen Netzwerk, in dem unsere Handlungs- und Wahrnehmungsprogramme gespeichert sind, eine zentrale Rolle.

 

 

 

Bewusstseinsbruch als Überlebensmodus

Zunehmend treten Begriffe wie Trauma und posttraumatische Störungen in das Blickfeld. In Deutschland leiden heute noch etwa fünf Millionen Menschen (zwischen 1930 und 1945 geboren), die Kriegskinder, an posttraumatischen Belastungsstörungen. Damit verbundene Symptome sind z.B. Angst, Schlaflosigkeit, Panikattacken und Hoffnungslosigkeit.

Was genau versteht man unter einem Trauma? Ein Trauma ist eine unvollständige Antwort des menschlichen Organismus auf überwältigende, lebensbedrohliche Ereignisse: Missbrauch, Vernachlässigung, Überforderung, Entwurzelung, Gewalt, Vergewaltigung, an einem selbst geschehen oder als Zeuge erlebt,  können zu nachhaltiger Traumatisierung führen. 


 „Das Ausgeblendete überwindet die brüchig gewordenen
Mauern des Bewusstseins und drängt das Ich des Menschen
in sein dissoziiertes Niemandsland.“

In einer als sehr bedrohlich erlebten Situation stehen uns Menschen drei instinktive Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Sie sind im Stammhirn und Teilen des limbischen Systems als Überlebensstrategien verankert und wirken unter Ausschaltung des rationalen Denkens. Wir können standhalten und unter Umständen kämpfen, wir können aber auch flüchten oder uns tot stellen. Das Trauma entsteht aus einer dritten Reaktionsmöglichkeit: Wenn wir erkennen, dass weder kämpfen noch flüchten aussichtsreich wäre, wird die im Stress aktivierte Energie nach innen gerichtet – und im Schock wie ein-gefroren. Dieses Einfrieren von Energie im Organismus ist gemeint mit „Trauma als einer unvollständigen Antwort, oder steckengebliebener Überlebensreaktion“. Die zum Überleben aktivierte Energie kann nicht ausagiert werden, bleibt im Organismus latent wirksam und belastet auf allen Ebenen. Damit einhergehende Symptome sind Dissoziation, Konsistenzverlust, Schreckstarre, Emotionalisierung, Beziehungsverlust und erhöhte Erregungsbereitschaft, resp. starke Unruhe. Interessanterweise finden wir all diese Symptome auch bei Menschen mit Demenz.

Biologisch gesehen ist der „Totstell-Reflex“ eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Er hat primär die Aufgabe, Schmerz zu reduzieren und im Extremfall das Sterben zu erleichtern. In der Dissoziation entwickelt das Gehirn in verstärktem Maße Endorphine. Diese bewirken eine Trennung des Bewusstseins von den körperlichen Empfindungen. Wir erleben dann unseren Körper nicht und damit auch  keinen Schmerz.
Der Mensch verlässt dann gewissermaßen seinen Körper, er schwebt möglicherweise wie darüber und schaut auf das Unvorstellbare, als würde es ihn selbst nicht betreffen und als geschähe dies an einem anderen. 
Ein Teil der Persönlichkeit möchte das Entsetzliche unzerstört überdauern und nutzt die Möglichkeit, in eine innere Emigration gehen zu können.

Der zu zahlende Preis dieses Überlebens- Modus ist eine Unterbrechung der integrierten Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung der Umgebung (wobei der eigene Körper als Außenwelt erfahren wird), der Identität.
Das ist mit Konsistenzverlust gemeint.
Konsistenz bezeichnet die Stabilität der gleichzeitig ablaufenden psychischen Prozesse im Gehirn. Die Synchronizität, also die Resonanz zwischen unterschiedlichen Teilen des Gehirns wird nachhaltig gestört. Diese Unterbrechung kann so weit gehen, dass man auf Dauer das schlimme Erlebnis aus dem Gedächtnis streichen muss, weil die Erinnerung zu bedrohlich ist. Im normalen Bewusstsein wird dies dann weder erinnert noch weiß man, wo man innerlich in der Dissoziation war.

Ist dieser Fluchtweg in die innere Emigration erst einmal gebahnt, bleibt er als bewährter Überlebensmechanismus Mittel der Wahl zur Konfliktbewältigung, unter Umständen ein Leben lang.
Der Mensch hat erfahren, dass es in einer Bedrohung eine Möglichkeit gibt, sich gut zu fühlen und zu überleben – in der Dissoziation, dem inneren Ausstieg.


Erinnerungen an das Unaussprechliche 

Der innere Ausstieg ist als sogenannter „Verlust der Persönlichkeit“ das markanteste Element einer Demenz. Die Synchronizität der Aspekte des Bewusstseins von Denken, Wahrnehmen, Erinnern, Sprechen und Ich-Bewusstsein wird gestört, unterbrochen und geht letztendlich ganz  verloren. Auf der einen Seite lockt das dissoziierte Niemandsland, endorphinversüßt, auf der anderen Seite bedrängt das verdrängte, existenziell bedrohliche seelische Leid – unaussprechliche Angst. 

Erringt man sich den abgespaltenen Persönlichkeitsanteil nicht zurück, kann dieser im Laufe des Lebens immer mehr Macht gewinnen. Das, was man nicht anschauen möchte, weil es zu bedrohlich  ist, fordert sich zunehmend vehement ein, eine Erinnerung an das Unaussprechliche.

Je älter wir jedoch werden, desto weniger Kraft zur Verdrängung steht uns zur Verfügung.

Das Ausgeblendete überwindet die brüchig gewordenen Mauern des Bewusstseins und drängt das Ich des Menschen in sein dissoziiertes Niemandsland. Das, was einst das Überleben gesichert hat wird so, als altbewährtes Refugium, zum Segen oder Fluch, wie immer man es auch sehen will. Denn spätestens jetzt kann man die latent vorhandene Angst nicht mehr ausblenden und sie überflutet das Bewusstsein.

Gleichzeitig mit der Dissoziation fällt in der Traumatisierung der Körper in eine Schreckstarre. Der Mensch ist wie tot, spürt sich nicht mehr, und kann so möglicherweise überleben. Die  Energie, die nicht in Kampf oder Flucht verbraucht wird, wird komprimiert im Nervensystem gebunden. Das Erleben wird in der körperlichen Erstarrung eingefroren: Bilder, Worte, Geräusche, der  Schmerz – und all die erlebte Angst. Während die Fakten vergessen sind, bleibt ein Grundgefühl der Bedrohung.

Dieses Grundgefühl dominiert, vielleicht nicht bewusst, und führt zu einer Emotionalisierung des Erlebens. Und das ist real, denn die verdrängte Angst bedroht das Ich-Bewusstsein. Dieses muss enorme Kraft aufwenden, die eigene Position in der menschlichen Organisation  zu sichern. Die Aufwendung dieser Kraft zur Verteidigung der Souveränität des Ich führt zu einem Verlust von Vitalität und Lebensfreude. Um die akkumulierte Energie in feste Bahnen zu lenken und  einzugrenzen, entstehen, wie der amerikanische Biologe und Psychologe Dr. Peter Levine beschreibt, Symptome wie Angst, Depression, psychosomatische Störungen, Panik, oder Herzrasen. Untergründig wirkt die eingebunkerte Angst auf allen Bereichen des Menschen. Der Sinn  für Kohärenz geht verloren, es entsteht ein Grundgefühl der Verlorenheit.

Demente Menschen fühlen sich nicht nur in hohem Maße verloren, sie sind geradezu ein Spielball ihrer Emotionen. Dement sein heißt auch: Angst haben, ja von Angst getrieben sein. Es ist jedoch einer der großen Irrtümer, dass diese Angst im Wesentlichen eine Angst vor dem Verlust von Fähigkeiten wäre nach dem  Motto: „Weil ich dement werden könnte oder dabei bin es zu werden, habe ich Angst.“ Dies ist in einer kurzen Phase des Krankheitsprozesses in der Regel der Fall.

Ein Teil der Lebenskraft und Freude wurde „im Unvorstellbaren“ mit Angst gebunden und seelisch abgespalten. Dieses Abgespaltene fordert sich nun ein und macht Angst, weil es Angst ist. Dies dann im Alter auszuhalten und zu durchleben ist sehr schwer. Aber offensichtlich muss es sich zeigen, weil es in das Leben re-integriert werden will, noch vor dem Tod.

Das Gedächtnis des Körpers ist nicht zu täuschen. Erstarrungen, Verhärtungen, Verkrümmungen haben ihre Ursache nicht nur in einer möglichen schlechten Sitzhaltung. Die Bilder des Lebens setzen sich im Knochensystem, den Muskeln, den inneren Organen fest und entwickeln auch dort ihre Wirksamkeit. Eine erlebte Todesstarre bleibt so lange, bis die bindenden Kräfte ausagiert, die gespeicherten oder assoziierten Bilder in das Bewusstsein zugelassen und weiter bearbeitet werden können.


Schamanische Perspektiven

Peter Levine ist in der Erforschung von Traumata auch in Kontakt mit indianischen Schamanen gekommen. Diese wissen, dass sich bei Menschen, die Erlebnisse haben, mit denen sie nicht fertig werden, ihre Seele vom Körper trennen kann. Sie bezeichnen dies als „Raub der Seele“ und dies bildet in ihren Augen die am weitesten verbreitete und schädlichste Krankheitsursache. Man sitze in einer Art spirituellem Niemandsland fest, verliere sich in einem Zustand der spirituellen Erregung. Der Schamane als Heiler wendet dann Methoden an, diesen verlorenen Seelenanteil zu bewegen, an seinen Platz im Körper zurückzukehren.

Traumatische Erlebnisse entstehen insbesondere durch Übergriffe von Menschen an Menschen. Wie anders als in einem Zustand unfassbarer innerer Leere muss man sich ein missbrauchtes Kind vorstellen, das einem solchen Ereignis noch keinerlei stabile Persönlichkeit entgegensetzen kann. Wie schwer mag es sein, jemals wieder Vertrauen in Menschen entwickeln zu können, überhaupt Beziehungen einzugehen. Beziehungsstörungen treten auf sowohl in bezug auf den eigenen, erstarrten, entfremdeten Körper. Ein Sich-fallen- lassen-können in andere Menschen wird unmöglich. Das ist schwer, wenn Vertrauen fehlt.

Auch das finden wir in der Demenz. Der Körper sklerotisiert, verhärtet in das Älterwerden. Das ist im Grunde ein normaler Vorgang. Der demente Mensch jedoch spürt sich nicht, wirkt in fortgeschrittener Erkrankung wie körperlos. Sie können im Winter in Sommerkleidung durch die Straßen irren und spüren keine Kälte, weil sie sich nicht spüren. Alles ist erstarrt. Der Mensch mag auf der Suche sein, getrieben, vielleicht nach seinem zu  Hause – die Gedanken kreisen wie enthoben der irdischen Realität, irgendwo und nirgendwo. Auf der Erde ist alles fremd, der eigene Körper eingeschlossen.

In den fortgeschrittenen Phasen wird niemand mehr erkannt, weder die täglichen Bezugspersonen noch die eigenen Kinder. Desorientierung nenne wir dies im Fachjargon, zu Ort, Zeit, Sprache, Personen, zu sich selbst.

Die im Trauma erlebte Entfremdung des eigenen Körpers und der Erde, das Grundgefühl der Verlorenheit hat sich endgültig durchgesetzt. Bringt man Menschen mit hochgradiger Demenz wieder dahin, wo sie hin möchten, zum Beispiel nach Hause, dann erkennen sie das nicht wieder.Was bleibt, ist eine Idee von zu hause, eine dem Irdischem entbundene, frei schwebende Idee. 


Permanente Über-Erregung Permanente_ber-Erregung

Einer der heilsamen Aspekte in der Arbeit mit demenziell veränderten Menschen ist es daher, ein Klima der Ruhe und Harmonie zu schaffen. Unruhe trifft sofort auf starke Resonanz, ist für den dementen Menschen häufig nicht zu ertragen.

Ein unbewältigtes Trauma verändert die Reizverarbeitung im Gehirn, führt zu einer permanent erhöhten Erregung des zentralen Nervensystems.

Durch die ständige Erwartung von Gefahr verändern sich die basalen Regelkreise, davon betroffen sind insbesondere im Bereich des limbischen Systems die Mandelkerne (Amygdalae) und die Hippocampusformation.

Die Amygdalae sind die emotionale Feuerwehr im Organismus, die Brandmelder für Gefahren. Bevor ein Außenreiz das Großhirn erreicht gibt die Feuerwehr bereits in Sekundenbruchteilen eine erste Einschätzung ab, ob Gefahr droht oder alles in Ordnung ist! Sie erregen unspezifisch das ganze Gehirn.

Normalerweise werden Angstreize durch die Einordnung in einen Gesamtzusammenhang entschärft. Bei einem unverarbeiteten Trauma bleibt das Tor für als bedrohlich erlebte Außenreize ständig übermäßig weit geöffnet und es kommt zu erhöhter Ansprechbarkeit (Reagibilität) des Stresssystems. Das Gehirn ist permanent übererregt und regt verhältnismäßig schnell die Ausschüttung von Stresshormonen an. Eines dieser Hormone ist Cortisol. Eine übermäßige Produktion von Cortisol führt nachweislich zu einer Belastung, auf Dauer zu einer Zerstörung der Synapsen und damit auch der damit verbundenen Nervenzellen.

Demenz korreliert mit einer Pathologie der Synapsen. Die Hippocampusformation hat nicht nur eine wichtige Funktion für Lernen und Erinnern, sondern ist auch der Sitz des Selbstwertgefühles des Menschen. 
Entgegen früherer Überzeugungen können dort ein Leben lang Nervenzellen neu gebildet werden. Bei Untersuchungen an meditierenden Menschen hat man z.B. eine überdurchschnittliche Dichte an grauer Substanz in diesem Bereich vorgefunden. Im Gegensatz  dazu haben sich bei im Krieg gefolterten und seelisch erkrankten Menschen vergleichsweise kleine Hippocampi gezeigt.

Dauerstress  und ein geringes Selbstwertgefühl scheinen eine nachhaltige negative Wirkung auf diesen zentralen Bereich im Gehirn zu haben, also auch auf Lernen und Erinnern. Chronischer Stress verhindert das  Entstehen und Wachsen neuer Nervenzellen im Gehirn. In der Demenz sind Selbstwertgefühl, Lernen und Erinnern nachhaltig gestört. Was bleibt, ist eine Idee von zu Hause.

Frank Schubert - VG Bild Kunst


Wege der Heilung

Sind schwerwiegende, unbewältigte traumatische Erlebnisse eine wesentliche Ursache für das Entstehen von Demenz im Alter? Die Übereinstimmung der Symptome von Depression, Dissoziation, Depersonalisierung, Fragmentierung des Selbst, Konsistenz- und Beziehungsverlust, Emotionalisierung und Übererregung sind jedenfalls starke Indizien dafür.

Das heißt nicht, dass traumatische Erlebnisse unweigerlich in einer Demenz münden. Da die WHO jedoch chronischen Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts bezeichnet und dabei primär an Herz-Kreislauf und Krebserkrankungen denkt, wird sich hier möglicherweise auch Demenz als Zivilisationskrankheit einreihen.

Wenn es so ist, dass traumatische Erlebnisse eine wesentliche Ursache für das Entstehen von Demenz sind liegt darin auch ein Schlüssel zur Heilung. Die Bearbeitung der genannten Symptome ist kein leicht zu gehender Weg, aber ein möglicher. Es gibt zunehmend heilsame therapeutische Methoden sowohl auf körperlicher, seelischer wie geistiger Ebene. Da Demenz alle drei Ebenen betrifft, muss wahrscheinlich auf allen drei Ebenen angesetzt werden.

Gleichviel ob es die schrittweise Lösung der komprimierten Lebensenergie aus dem Organismus durch gezielte Körperarbeit ist, das behutsame Integrieren der abgekapselten, vergessenen Erfahrungen in das bewusste Erleben durch Psychotherapie oder das Erringen des dissoziierten Raumes durch gezielte meditative Übungen – Demenz ist nicht als unweigerliches Schicksal hinzunehmen. Wir sind aufgefordert, den Mut zu entwickeln, hinzuschauen, das Unaussprechliche in Sprache zu bringen, uns das Leben zurückzuerobern.

Die Überflutung des Ich-Bewusstseins durch verdrängte Seeleninhalte kann nur durch den Mut des Ich-Bewusstseins selbst überwunden werden. Dies wird die entscheidende Frage sein, ob man trotz eines solchen biographischen Einschnittes sein Ich so stärken kann, dass es im Alter der bis dahin unterdrückten Kraft zu widerstehen in der Lage ist.

Wichtig wird es sein, den dissoziierten inneren Raum zurückzuerobern, sich die Fluchtwege bewusst zu machen. Da wir es auch mit einem geistigen Phänomen zu tun haben, sollte die Kultivierung meditativer Praktiken einen wichtigen Beitrag leisten können. Gezielte Meditation führt nicht nur zum Abbau von Stress, sondern fördert die Gesundheit bis in die Bildung des Gehirns hinein. 

Nach Studien der Harvard-Universität führt Meditation offensichtlich zu Veränderungen in der Funktionsweise des Gehirns. Durch Meditation (die Fokussierung von Aufmerksamkeit) werden verstärkt Gamma-Wellen gebildet, die wiederum die Synchronisierung im Gehirn verbessern. Nachweislich nimmt das Volumen der Hirnrinde in bestimmten Arealen der Großhirnrinde bei Menschen mit sehr großer Meditationserfahrung zu, vergleichbar nach dem Erlernen motorischer Fertigkeiten oder intensiver sensorischer Reizung. Dies geht auf eine Vermehrung des Neuropils zurück, d.h. der Zwischenräume zwischen den Nervenzellen, die von neuronalen Verbindungen und Synapsen ausgefüllt werden. Meditation ist also offenbar in der Lage, die Zahl und die Größe der Synapsen zu vermehren.

Prophylaxe gegen Demenz

Wir brauchen heute eine Prophylaxe gegen das Entstehen von Demenz, gleichermaßen wie etwa gegen Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs.
Hier wie dort muss in einem ersten Schritt der Mensch die Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Meist ist erst das Auftreten von Symptomen in der eigenen Familie ein Anlass, sich persönlich mit Phänomenen zu beschäftigen, die erst einmal mit dem eigenen Leben nichts zu tun zu haben scheinen.
Da Traumata über Generationen weitergereicht werden können ist es auch tatsächlich ratsam, wenn etwa ein Elternteil von Demenz betroffen ist bei sich selbst auf die Suche zu gehen. 

Sich auf den Weg zu begeben oder erkannte Symptome zu bearbeiten ist jedoch weit mehr als eine Krankheitsprophylaxe. Unterdrückte und gebundene Lebenskraft in die bewusste Verfügbarkeit zurückzuholen, bedeutet in jedem Fall einen Akt der Befreiung und eine Erhöhung der persönlichen Lebensqualität. 


Blicke_zu_fernen_Horizonten

Blicke zu fernen Horizonten

Eindrücke aus einer Lebensgemeinschaft von Menschen mit Demenz

Hast du eigentlich schon jemals so blaue Augen gesehen, ging es mir unweigerlich durch den Kopf, als ich
ihr zum ersten Mal gegenüberstand. Offen und verschmitzt lächelte sie mich an.

„Guten Tag“, sagte ich und reichte ihr meine Hand. Ich schaute ihr wieder in die Augen und erkannte, dass sie mich nicht verstand. Sie lächelte mich weiterhin an, den Blick aber nicht mehr auf mich gerichtet, sondern durch mich hindurch, irgendwohin zu einem fernen Horizont.

Dann traf er mich doch wieder, dieser freundliche Blick und die Kraft, die aus ihm sprach.

„Da, da, da“, entfuhr es ihrem Mund, und als ich ihre Hand ergriff, antwortete sie mit einem leichten Druck. Wir hatten uns, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Sie war groß gewachsen, eine stattliche Erscheinung, Mitte 60. Die Lieblingstochter hatte sie gebracht und weinte. „Dass es soweit kommen musste mit unserer Mutter“, aber es ging jetzt einfach nicht mehr zu Hause. Alzheimer war die Diagnose, vernichtend für uns alle.“

Und schon wieder lächelte sie mich an, die Dame mit der vernichtenden Diagnose, und mein Herz öffnete sich im Strahlen ihrer Augen. „Folge mir ein Stück Weges in meine Welt“, – schien sie mir zu suggerieren, die Deine interessiert mich nicht mehr.
Hirngespinste?
Selbst ihr Zimmer, das die Töchter liebevoll eingerichtet hatten, fühlte sich nicht an wie ihr „Zuhause“. Sie nahm es eher wie ein notwendiges Übel, ein unvermeidliches Schicksal, in das sie sich zu fügen hatte. Sie, die gerade die Jahre zuvor so eigenständig gelebt hatte, mehr oder weniger im Wald. Sie hatte Tiere über alles geliebt. In die Schlagzeilen der örtlichen Presse hatte sie diese Notiz gebracht:

„Unter Wutzen – Frau zieht elternlose Wildschweinfrischlinge groß!“ Das erregte die 
Aufmerksamkeit der Menschen, denn die Jungtiere sind bekanntermaßen sehr scheu. Ihre Tierliebe war schier
grenzenlos, sodass sie seit dem Tode ihres Mannes soviel es ging allein im Wald unterwegs war.

„Wir Kinder hatten manchmal das Gefühl, dass sie zu Tieren eine bessere Beziehung hatte als zu uns“, sagte eine Tochter, „dennoch war sie eine liebevolle Mutter. Sie war immer sehr auf Harmonie bedacht. Naja, wir vier Kinder, da ging es schon mal deftig zu, das konnte sie aber gar nicht vertragen. Sie ging sofort dazwischen, wenn es sein musste auch mit Strafen. Wenn es laut wurde, reagierte sie allergisch.“

Nun lebte sie aber nicht mehr im Wald, sondern in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz, sieben Frauen und ein Mann, ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Die ersten Monate vergingen, Frau A., so heißt 
unsere Dame, schien sich bestens einzuleben. Ihre herzliche Wesensart zog die Menschen an, ihre Nähe wurde gesucht. Nur wenn es etwas lauter zuging in der Gruppe wurde sie sofort unruhig, zeigte auf die 
Störenfriede und sagte mit erhobener Stimme: „Die habe sie ja nicht mehr alle!“

Der einzige Mann in dieser Gruppe tat sich weit schwerer mit dem Einleben. Unruhig und ängstlich wanderte er umher, vor allem abends, denn er hatte das Gefühl, die Verantwortung dafür zu tragen, dass alles seine Ordnung hat. Manchmal forderte er lautstark, selbst unter Androhung von Gewalt, das ein, was er für die notwendige Ordnung hielt: „Verschwinde, du hast hier nichts zu suchen!“, herrschte er den Sohn einer Mitbewohnerin an, als dieser zu einem Besuch kam. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte konnte ich ihn fragen, was denn da gerade geschehen war. „Man muss schneller als die anderen sein, sonst nehmen sie dir alles weg!“ so seine Antwort.

Er hatte im Leben zweimal seine Heimat verloren: Vom Sudetenland war er nach Ostpreußen geflohen, von da nach Frankfurt. Das hatte sich tief in ihm eingegraben, der Verlust von Heimat. „Da waren die anderen stärker“, sagte er.

Und nun musste er sich wieder eine neue Heimat erringen, die jedoch in seinem Bewusstsein immer mehr mit den Bildern der Vergangenheit zusammenzufließen schien. Auch er sehnte sich nach Harmonie. Wenn seine Ordnung gegeben war, empfand er so etwas wie Ruhe. Er schien darauf konditioniert diese, wenn es sein musste auch mit Gewalt herzustellen. Wenn es ihm zu laut wurde, steigerte er seine Stimme: Der Stärkere bestimmt die Gepflogenheiten. Abends, vor dem Zubettgehen, drehte er seine Runde und überprüfte alle Türen und Fenster, machte die Lichter aus. Dass ich als Nachtwache noch etwas Licht brauchte, konnte er nicht akzeptieren; wenn er nicht für die Ordnung sorgte, machte es keiner! Unruhig und ängstlich flackerten dann seine Augen mit der Bereitschaft, auf mich loszugehen, wenn es sein musste. „Du hast sie ja nicht mehr alle, du fängst gleich eine Ohrfeige!“ schrie er auch Frau A. öfters an.

Eines Tages gab es wieder eine solche Situation. Der alte Herr giftete gegen Frau A.. Durch sie ging ein Ruck, alles an ihr straffte sich. Offensichtlich hatte sie eine wichtige Entscheidung getroffen. Sie ging hinter ihm her, als er sich gerade auf dem Weg in sein Zimmer befand, und griff ihn an den Hals. Er wiederum langte nach einem Aschenbecher und drohte ihr. Ich stellte mich zwischen die beiden und konnte sie besänftigen.

Von diesem Tag an war Frau A. wesensverändert. Sie, der ein harmonisches Umfeld immer so wichtig gewesen war, entwickelte eine wahllose Aggression. Die berechtigte Wut auf verbale Angriffe und die nachvollziehbare Reaktion darauf entwickelte sich zu einem Herausbrechen aggressiver Übergriffe gegen schlichtweg alles, was sich ihr in den Weg zu stellen schien. Sie, die Pflanzen liebte, riss sie nun wahllos heraus, sie ging auf Menschen zu und gab ihnen einen Schlag auf Rücken oder Kopf. Das freundliche Lächeln war verschwunden, ihr Gesichtsausdruck versteinerte.

Die Mitbewohnerinnen bekamen Angst und zogen sich zunehmend von ihr zurück. Es wirkte, als sei ein Fass geöffnet, dass zuvor gut versiegelt gewesen war: aufgestaute Aggression und Wut, oder vielleicht einfach zurückgehaltene Kraft.

Frau A. war vier Jahre alt, als sie Ende des Krieges mit Schwester und Tante aus dem Sudetenland geflohen war. Jetzt schien ihr Blick immer weiter entfernte Horizonte zu erklimmen, für uns war sie zunehmend schwerer zu erreichen. Phasen der Verinnerlichung wechselten mit Phasen der Wut und des Aufgeregtseins. Wie eine Amazone stand sie im Gemeinschaftsraum und war in so gar keiner Weise mehr auf Harmonie bedacht. Als dies in der Gruppe nicht mehr zu tragen war, musste sie vorübergehend in eine Klinik.

Nach ihrer Rückkehr zeigte sie ein stark verändertes Verhalten. Sie schrie, Tag und Nacht beinahe ohne Unterlass. Erst klang es wütend, zornig; irgendwie fordernd. Nach einigen Wochen wurde es zu einem Klagen bis sie, kaum noch bei Stimme, jammerte wie ein hilfloses kleines Kind. Am Schluss blieb ein Wimmern. Weder Schmerztherapie noch Zuwendung konnten daran etwas ändern. Das war nicht nur für sie schwer zu ertragen.

Währenddessen entspannte sich der alte Herr zusehends. Mit dem Waschen tat er sich schwer. Eines Tages war es mir gelungen, ihn zu einer Dusche zu überreden. Als er aber im Bad saß, bekam er wieder diesen flackernden Blick und sagte in aller Klarheit: „Das will ich nicht! Wieso soll ich dir trauen?“ „Was kann denn bei einer Dusche passieren?“, fragte ich ihn naiv.

„Da weiß man nicht, ob man lebend wieder rauskommt“, antwortete er daraufhin.

Ja, wie konnte ich das vergessen! Ja, wie konnte ich das vergessen!

Wenn ich meine Nachtwachenrunden drehte, überließ er mir mittlerweile die Verantwortung dafür, ob alle Türen verschlossen, alle überflüssigen Lichter gelöscht waren. Manches Mal setzte er sich sogar lächelnd zum gemeinsamen Abendkreis in die Gruppe und erzählte einen Schwank.

Frau A. jedoch konnte dieses Gefühl der absoluten Hilflosigkeit nicht mehr überwinden. Noch in ihren letzten Lebenstagen suchte sie zu schreien.

Beide sind nun nicht mehr auf dieser Welt. Der alte Herr wachte eines Tages einfach nicht mehr auf.

Dietrich Kumrow ist Diplom Sozialarbeiter, Altenpfleger und Sozialwirt. Er lebt und arbeitet in Wien. Zwischen 2007 und 2009 arbeitete er an einem Modellprojekt für Menschen mit Demenz im Haus Aja-Textor-Goethe in Frankfurt mit.

Literatur:
Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers Peter Levine, Trauma-Heilung Karl-Klaus Madert, Trauma und Spiritualität Singer/Picard (2008): Hirnforschung und Meditation

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