DemenzHilfe Oldenburg e.V.

INFORMATIONS- und BERATUNGSSTELLE

Demenz und die Macht des Ausgeblendeten

Blicke_zu_fernen_Horizonten

Blicke zu fernen Horizonten

Eindrücke aus einer Lebensgemeinschaft von Menschen mit Demenz

Hast du eigentlich schon jemals so blaue Augen gesehen, ging es mir unweigerlich durch den Kopf, als ich
ihr zum ersten Mal gegenüberstand. Offen und verschmitzt lächelte sie mich an.

„Guten Tag“, sagte ich und reichte ihr meine Hand. Ich schaute ihr wieder in die Augen und erkannte, dass sie mich nicht verstand. Sie lächelte mich weiterhin an, den Blick aber nicht mehr auf mich gerichtet, sondern durch mich hindurch, irgendwohin zu einem fernen Horizont.

Dann traf er mich doch wieder, dieser freundliche Blick und die Kraft, die aus ihm sprach.

„Da, da, da“, entfuhr es ihrem Mund, und als ich ihre Hand ergriff, antwortete sie mit einem leichten Druck. Wir hatten uns, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Sie war groß gewachsen, eine stattliche Erscheinung, Mitte 60. Die Lieblingstochter hatte sie gebracht und weinte. „Dass es soweit kommen musste mit unserer Mutter“, aber es ging jetzt einfach nicht mehr zu Hause. Alzheimer war die Diagnose, vernichtend für uns alle.“

Und schon wieder lächelte sie mich an, die Dame mit der vernichtenden Diagnose, und mein Herz öffnete sich im Strahlen ihrer Augen. „Folge mir ein Stück Weges in meine Welt“, – schien sie mir zu suggerieren, die Deine interessiert mich nicht mehr.
Hirngespinste?
Selbst ihr Zimmer, das die Töchter liebevoll eingerichtet hatten, fühlte sich nicht an wie ihr „Zuhause“. Sie nahm es eher wie ein notwendiges Übel, ein unvermeidliches Schicksal, in das sie sich zu fügen hatte. Sie, die gerade die Jahre zuvor so eigenständig gelebt hatte, mehr oder weniger im Wald. Sie hatte Tiere über alles geliebt. In die Schlagzeilen der örtlichen Presse hatte sie diese Notiz gebracht:

„Unter Wutzen – Frau zieht elternlose Wildschweinfrischlinge groß!“ Das erregte die 
Aufmerksamkeit der Menschen, denn die Jungtiere sind bekanntermaßen sehr scheu. Ihre Tierliebe war schier
grenzenlos, sodass sie seit dem Tode ihres Mannes soviel es ging allein im Wald unterwegs war.

„Wir Kinder hatten manchmal das Gefühl, dass sie zu Tieren eine bessere Beziehung hatte als zu uns“, sagte eine Tochter, „dennoch war sie eine liebevolle Mutter. Sie war immer sehr auf Harmonie bedacht. Naja, wir vier Kinder, da ging es schon mal deftig zu, das konnte sie aber gar nicht vertragen. Sie ging sofort dazwischen, wenn es sein musste auch mit Strafen. Wenn es laut wurde, reagierte sie allergisch.“

Nun lebte sie aber nicht mehr im Wald, sondern in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz, sieben Frauen und ein Mann, ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Die ersten Monate vergingen, Frau A., so heißt 
unsere Dame, schien sich bestens einzuleben. Ihre herzliche Wesensart zog die Menschen an, ihre Nähe wurde gesucht. Nur wenn es etwas lauter zuging in der Gruppe wurde sie sofort unruhig, zeigte auf die 
Störenfriede und sagte mit erhobener Stimme: „Die habe sie ja nicht mehr alle!“

Der einzige Mann in dieser Gruppe tat sich weit schwerer mit dem Einleben. Unruhig und ängstlich wanderte er umher, vor allem abends, denn er hatte das Gefühl, die Verantwortung dafür zu tragen, dass alles seine Ordnung hat. Manchmal forderte er lautstark, selbst unter Androhung von Gewalt, das ein, was er für die notwendige Ordnung hielt: „Verschwinde, du hast hier nichts zu suchen!“, herrschte er den Sohn einer Mitbewohnerin an, als dieser zu einem Besuch kam. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte konnte ich ihn fragen, was denn da gerade geschehen war. „Man muss schneller als die anderen sein, sonst nehmen sie dir alles weg!“ so seine Antwort.

Er hatte im Leben zweimal seine Heimat verloren: Vom Sudetenland war er nach Ostpreußen geflohen, von da nach Frankfurt. Das hatte sich tief in ihm eingegraben, der Verlust von Heimat. „Da waren die anderen stärker“, sagte er.

Und nun musste er sich wieder eine neue Heimat erringen, die jedoch in seinem Bewusstsein immer mehr mit den Bildern der Vergangenheit zusammenzufließen schien. Auch er sehnte sich nach Harmonie. Wenn seine Ordnung gegeben war, empfand er so etwas wie Ruhe. Er schien darauf konditioniert diese, wenn es sein musste auch mit Gewalt herzustellen. Wenn es ihm zu laut wurde, steigerte er seine Stimme: Der Stärkere bestimmt die Gepflogenheiten. Abends, vor dem Zubettgehen, drehte er seine Runde und überprüfte alle Türen und Fenster, machte die Lichter aus. Dass ich als Nachtwache noch etwas Licht brauchte, konnte er nicht akzeptieren; wenn er nicht für die Ordnung sorgte, machte es keiner! Unruhig und ängstlich flackerten dann seine Augen mit der Bereitschaft, auf mich loszugehen, wenn es sein musste. „Du hast sie ja nicht mehr alle, du fängst gleich eine Ohrfeige!“ schrie er auch Frau A. öfters an.

Eines Tages gab es wieder eine solche Situation. Der alte Herr giftete gegen Frau A.. Durch sie ging ein Ruck, alles an ihr straffte sich. Offensichtlich hatte sie eine wichtige Entscheidung getroffen. Sie ging hinter ihm her, als er sich gerade auf dem Weg in sein Zimmer befand, und griff ihn an den Hals. Er wiederum langte nach einem Aschenbecher und drohte ihr. Ich stellte mich zwischen die beiden und konnte sie besänftigen.

Von diesem Tag an war Frau A. wesensverändert. Sie, der ein harmonisches Umfeld immer so wichtig gewesen war, entwickelte eine wahllose Aggression. Die berechtigte Wut auf verbale Angriffe und die nachvollziehbare Reaktion darauf entwickelte sich zu einem Herausbrechen aggressiver Übergriffe gegen schlichtweg alles, was sich ihr in den Weg zu stellen schien. Sie, die Pflanzen liebte, riss sie nun wahllos heraus, sie ging auf Menschen zu und gab ihnen einen Schlag auf Rücken oder Kopf. Das freundliche Lächeln war verschwunden, ihr Gesichtsausdruck versteinerte.

Die Mitbewohnerinnen bekamen Angst und zogen sich zunehmend von ihr zurück. Es wirkte, als sei ein Fass geöffnet, dass zuvor gut versiegelt gewesen war: aufgestaute Aggression und Wut, oder vielleicht einfach zurückgehaltene Kraft.

Frau A. war vier Jahre alt, als sie Ende des Krieges mit Schwester und Tante aus dem Sudetenland geflohen war. Jetzt schien ihr Blick immer weiter entfernte Horizonte zu erklimmen, für uns war sie zunehmend schwerer zu erreichen. Phasen der Verinnerlichung wechselten mit Phasen der Wut und des Aufgeregtseins. Wie eine Amazone stand sie im Gemeinschaftsraum und war in so gar keiner Weise mehr auf Harmonie bedacht. Als dies in der Gruppe nicht mehr zu tragen war, musste sie vorübergehend in eine Klinik.

Nach ihrer Rückkehr zeigte sie ein stark verändertes Verhalten. Sie schrie, Tag und Nacht beinahe ohne Unterlass. Erst klang es wütend, zornig; irgendwie fordernd. Nach einigen Wochen wurde es zu einem Klagen bis sie, kaum noch bei Stimme, jammerte wie ein hilfloses kleines Kind. Am Schluss blieb ein Wimmern. Weder Schmerztherapie noch Zuwendung konnten daran etwas ändern. Das war nicht nur für sie schwer zu ertragen.

Währenddessen entspannte sich der alte Herr zusehends. Mit dem Waschen tat er sich schwer. Eines Tages war es mir gelungen, ihn zu einer Dusche zu überreden. Als er aber im Bad saß, bekam er wieder diesen flackernden Blick und sagte in aller Klarheit: „Das will ich nicht! Wieso soll ich dir trauen?“ „Was kann denn bei einer Dusche passieren?“, fragte ich ihn naiv.

„Da weiß man nicht, ob man lebend wieder rauskommt“, antwortete er daraufhin.

Ja, wie konnte ich das vergessen! Ja, wie konnte ich das vergessen!

Wenn ich meine Nachtwachenrunden drehte, überließ er mir mittlerweile die Verantwortung dafür, ob alle Türen verschlossen, alle überflüssigen Lichter gelöscht waren. Manches Mal setzte er sich sogar lächelnd zum gemeinsamen Abendkreis in die Gruppe und erzählte einen Schwank.

Frau A. jedoch konnte dieses Gefühl der absoluten Hilflosigkeit nicht mehr überwinden. Noch in ihren letzten Lebenstagen suchte sie zu schreien.

Beide sind nun nicht mehr auf dieser Welt. Der alte Herr wachte eines Tages einfach nicht mehr auf.

Dietrich Kumrow ist Diplom Sozialarbeiter, Altenpfleger und Sozialwirt. Er lebt und arbeitet in Wien. Zwischen 2007 und 2009 arbeitete er an einem Modellprojekt für Menschen mit Demenz im Haus Aja-Textor-Goethe in Frankfurt mit.

Literatur:
Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers Peter Levine, Trauma-Heilung Karl-Klaus Madert, Trauma und Spiritualität Singer/Picard (2008): Hirnforschung und Meditation

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